KNITTLER „ZWO“

Das Cover zu seiner zweiten CD zeigt Stefan Knittler gleich zweimal: Knittler am Tresen sitzt neben Knittler mit Narrenkappe und Kölschglas. Irgendwie existiere er „in zwei Welten“ sagt der 43-jährige Musiker. Die eine Welt ist die des Rockmusikers, der bis 1992 für Kölns damalige Pop-Hoffnung „Bagdad Babies“ trommelte und nun mit Gitarre am Mikrofon steht, um handgemachten kölschen Pop und Rock zu spielen. Die andere ist die ganz eigene Welt des Karnevals mit ihren eigenen Gesetzen, die es guter Musik jenseits von Karnevals- und Ballermannschlagern nicht immer leicht machen. Knittler hat sich nicht verbiegen lassen, um dem Karnevalsmainstream zu gefallen. Der kölsche Liedermacher und seine Band bleiben sich auch beim neuen Album „ZWO“ treu. Knittler erzählt Geschichten zu schönen Melodien, gespielt von tollen Musikern.

„ZWO“ beginnt mit einer sommerlichen Liebesgeschichte: „Loss am Levve“ ist eine unbeschwerte Popnummer für einen Sonnentag am Langeler Strand. Der Augenblick ist zum Genießen da. Denn: „Su jung wie hück, kumme mir nie mehr zesamme.“ Mit dieser Liedzeile lässt es Knittler im zweiten Stück des Albums richtig krachen. Hier verbindet sich das Genre des irischen Saufliedes mit der verloren gegangenen Tradition des gepflegten rheinischen Trinkliedes, vorgetragen im Pogues-bekannten Affenzahn und virtuos begleitet von den Gastmusikern Ebasa an der Flöte und Gilly Alfeo am Akkordeon. „Su jung wie hück“ dürfte nicht nur im Kneipenkarneval ein Hit werden. „So einen politisch unkorrekten Text darf man heute eigentlich nicht mehr machen“, sagt Stefan Knittler. „Das war Grund genug, es zu tun.“

Die musikalische Weltreise geht weiter nach Mexiko und Kuba. Das Stück „Marieche“, das Knittler in der vergangenen Karnevalssession als Single veröffentlicht hatte, belegt überzeugend, wie viele Gemeinsamkeiten die Musik einer mexikanischen Mariachi-Kapelle mit bayrischer Volksmusik hat. Aus „Do un ich“, Knittlers schöner Geschichte über ein folgenreiches Missverständnis auf der Tanzfläche, wird eine Hommage an den kubanischen Buena Vista Social Club.

Mit „Ne schöne Jross us Kölle“ huldigt Knittler den Bläck Fööss. „Ich habe schon als Kind alle Fööss-Platten rauf und runter gehört. Gerade die A-capella-Sachen haben mich total geprägt“, sagt er. Und so zitiert das ehemalige Mitglied des Kölner Domchors und Kölner Kinderchors gleich vierstimmig das „Jooden Daach“ der Fööss, das hier zum Intro für eine zwiespältige Liebeserklärung an seine Stadt wird. „Ich liebe Köln“, sagt Knittler, „aber es gibt so viele Sachen, über die man sich immer wieder ärgern kann. Man ist manchmal furchtbar ratlos über diese Stadt.“ Knittler verbindet den Bläck Fööss Klassiker mit einer eigenen Idee zu einem treibenden Reggae über das Provinzstädtchen am Rhein. Auf dem digitalen Album gibt es das Lied zusätzlich als Bonusversion: Knittler trifft die A-capella-Band De Wanderer.

Im Gegensatz zum ersten Album („de eetzte!“) hat Knittler fast alle Songs von „Zwo“ selbst produziert. Bei „Ne schöne Jross“ hat er sich Hilfe beim Kölner Club-Sound-Spezialisten Phil Kullmann geholt, der sonst als „Raw Artistic Soul“ die Musikwelt mit entspannten Beats beglückt und mit Größen wie den Fantastischen 4 oder Max Herre zusammen arbeitet.

Auch ein kölsches Hitcover darf auf „Zwo“ nicht fehlen, denn schließlich hat damit vor fünf Jahren alles angefangen. Damals hatte Stefan Knittler zusammen mit seinem langjährigen musikalischen Weggefährten Bert Geisen aus „Purple Rain“ von Prince „Rude Rän“ gemacht und beim Casting der Mitsinginitiative „Loss mer singe“, bei der er selbst zum ehrenamtlichen Organisationsteam gehört, für Begeisterung gesorgt. „Es ist spannend, Texte und Geschichten ins Kölsche zu übertragen und so neu zu verstehen“, sagt er. Auf Knittlers neuem Album wird aus dem Hit „What if God is one of us?“ „Wat wenn Jot us Kölle köm“. Im Original fährt der liebe Gott Bus, bei Knittler sitzt er in der KVB-Linie 16.

Mit „Wenn et Naach weed“ wird Knittler ganz privat: Der Mann schläft nicht ein, wenn seine Frau nicht neben ihm liegt – und das auch noch nach einer gefühlten Ewigkeit an Zweisamkeit. Das ist mindestens so schön, wie das Versprechen, der Geliebten einen Haifischzahn zu schenken. Knittler macht aus dem Debüt-Hit der befreundeten Band Hanak eine gefühlvolle Ballade.

Die Band, die schlicht und einfach den Nachnamen ihres Frontmanns trägt, hat sich im Vergleich zum ersten Album nur wenig verändert. Gitarrist Klaus Strenge ist nicht mehr dabei. Hinzugekommen ist Keyboarder Pat Anthony. Bert Geisen spielt Gitarre, Horst Zaunegger den Bass und am Schlagzeug sitzt Vadim Medvedev. Mit dieser Formation wird Knittler auf großen und kleinen Bühnen im und außerhalb des Karnevals neue Fans gewinnen – egal ob beim Auftritt vor Tausenden Jecken zum Sessionsauftakt in der Lanxess-Arena, bei einem Kneipenkonzert vor einem kleinen sangesfreudigen Publikum oder beim weihnachtlichen Musizieren vor dem Jan-von-Werth-Denkmal auf dem Alter Markt. Knittler hat sich zu einer mitreißenden Live-Band weiter entwickelt, die kleine Kneipen genau wie große Säle zum Tanzen, Feiern, Mitsingen, aber auch zum Zuhören leiserer kölscher Tön bringen kann.


Biographische Daten:

Stefan Knittler wurde am 13.7.1967 in Köln geboren. Von 1989 bis zu ihrer Auflösung 1993 gehörte zu der Band Bagdad Babies, 1991 gründete er das Label und den Verlag „Made in Cologne“ (heute „WortArt“), aus dem er 1994 ausstieg.

Im November 2006 veröffentlichte er als „Stefan Knittler un Fründe“ seine erste kölsche Produktion. Das Stück „Kumm, loss mer singe“ ist die Hymne der Mitsinginitiative „Loss mer singe“ geworden.
Im Dezember 2007 erschien mit „Do un ich“ seine erste Produktion für Rhingtön, im November 2008 folgte die erste CD „de eezte“.

Stefan Knittler ist verheiratet und Vater von zwei Söhnen. Er arbeitet als selbstständiger IT-Berater. Ehrenamtlich engagiert er sich im Organisationsteam von „Loss mer singe“.